Sonntag, 30. Juni 2013

Converter von Jack Teil 1

Teil 1: Réssyw Myts


Prolog


Der kühle, feuchte Nebel waberte durch die dunklen Straßen Londons. Einige Menschen tummelten sich auf den großen Plätzen. Es war stickig, aber kühl. Der Rauch und die Dämpfe der Stadt erschwerten den Atem und die prasselnden Flammen der Obdachlosen ließen die Schatten an den Wänden flimmern. In einer dieser Gassen war es still. Noch ahnte niemand, was in den nächsten Momenten losbrechen würde. Ein reicher Bürger der Stadt, der eine Melone und einen mit Diamant besetzten Spazierstock in der Hand hielt, lief geraden Schrittes voran. Seine ergrauten Haare wehten im Wind und seine faltige Haut ließ ihn noch älter erscheinen. Der Mann war aber nicht allein. Hinter ihm lief ein schwarz gekleideter Mann, die Hutkrempe runter gezogen, der Kragen stand aufrecht. Sein Gesicht war verdeckt. Einige Zeit später zückte er ein Messer. Es war kurz, aber sehr spitz. Der Griff war in Leder eingeschlagen. Kurz glänzte es auf, im Licht des Vollmondes. Er ging schneller und wollte es dem Alten an die Kehle halten. Doch kurz bevor er ihn erreichen konnte, wirbelte dieser herum, holte aus und schlug dem Bewaffneten in den Magen. Diesem glitt vor Schreck sein Messer aus den schweißnassen Händen. Ein gezielter Tritt des alten Mannes schleuderte ihn zurück. Er bekam keine Luft mehr, Schatten tanzten vor seinen Augen. Der Alte zog ihn am Hemdkragen hoch, sein Atem ließ ihn erschauern. „Du hast dich mit der Falschen angelegt, Kleiner.“, zischte der Alte. „Ich... ich wollte ihnen nichts stehlen.“, wehrte der Dieb ab. Ihm fiel auf, dass der Alte, obwohl er akzentlos Englisch sprach, doch sein Geschlecht falsch angegeben hatte. Dies war zweifellos ein Mann, aber er hatte ‚mit der Falschen’ gesagt. „Es ist zu spät, das hättest du nicht tun sollen. Man legt sich nicht mit Ida Ferell an.“ Ida? War das nicht auch ein Mädchenname? Der Mann hatte plötzlich eine Pistole in der Hand. Er hielt es dem Dieb an den Kopf. „Zu spät.“, sagte er und schoss dem Dieb in den Schädel. Ida sah, wie der Tote zu Boden ging und wandte sich angewidert ab. „Abschaum“ brummte er. Er setzte seinen Weg fort, ohne auch nur einen Gedanken an diesen Vorfall zu verschwenden. Er warf den Stock weg, zog den Mantel aus und ließ auch die Lederschuhe zurück. Er bog wieder in eine Seitengasse ein. Keiner war zu sehen. Es zischte hinter ihm. Vergnügt lächelte er, als sich seine Kleidung in Luft auflöste. Auch der zurückgelassene Mann glühte kurz auf und verschwand dann wieder. ‚Erbärmlich’, dachte er. Menschen verbrannten so schnell. Er zog sein Jackett und seine Seidenhose aus. Dann verschwand er im Schatten. Ein Windstoß, der nicht einmal ein Grashalm umgepustet hätte, durchzog ihren Körper. So fühlte sie sich immer noch am besten. Als Frau. Es war so schwierig, sein Geschlecht zu verändern. Man fühlte sich irgendwie eingesperrt. Früher war sie laut gewesen. Nicht so zaghaft. Einige Stürme, die die Londoner noch jetzt einen kalten Schauer verursachten, waren auf ihr Konto gegangen. Sie war viel mächtiger geworden. Sie wusste, eines Tages würde sie die Mächtigste von allen sein. Eines Tages wäre sie nicht mehr Ida Ferell, dann war sie die Converter. Sie würde die Truppen befehligen. Sie würde das Sagen haben. Sie würde die Menschen vernichten.




1. Kapitel

„Was soll das, Will?“ Die kleine Hattie hielt sich den Kopf. „Ich habe dich geschlagen. Na, und?“
„Das tat weh!“
„Ich bin der Ältere“ gab ihr Bruder an.
„Na und? Das ist immer noch kein Grund.“
„Das ist mir doch egal.“
Hattie wusste, sie würde den Kürzeren ziehen. Sie war ein Mädchen. Sie hatte nicht viel zu sagen, zudem ihr Bruder auch noch älter war als sie. Viel älter. Sechs Jahre. Immer wieder staunte sie, wie ähnlich sie sich trotz dieses Unterschieds waren. Und das, obwohl sie zwei unterschiedliche Mütter hatten. Hatties Mutter war eine ärmliche Frau gewesen. Schwach, mittellos. Doch Hatties Vater Jeff hatte sie geliebt, darum hatten sie geheiratet. Jeffs Eltern hatten sich darum von ihm abgewendet. Einmal hatte sie gehört, wie ihre Eltern darüber sprachen. „Sie hassen mich dafür.“, hatte ihr Vater gesagt. „Es ist meine Schuld.“, hatte Hatties Mutter entgegnet. Doch Jeff war das egal. „Nein, es ist nicht deine Schuld. Niemand ist Schuld. Und selbst wenn wir leiden, eines Tages, da wird sich alles ändern, Mary.“ Nein. Es hatte sich nichts geändert. Der Typhus hatte Hatties Vater dahingerafft und Hatties Mutter musste seitdem einen schrecklichen Job erledigen um ihre Tochter und ihren eingeheirateten Sohn durchzubringen. Abends verließ sie das Haus, in kurzen Kleidern und stark geschminkt, erst morgens kam sie vollkommen erschöpft, aber mit viel Geld nach Hause. An diesem Abend war sie schon fort gegangen, als Will angefangen hatte Hattie zu schlagen. Das tat er immer, wenn Mary nicht da war. Ihre arme Mutter Mary. Sie konnte nichts tun, sie merkte gar nichts davon. Sie schlief den ganzen Tag und am Abend war sie weg. Nur selten bekam Hattie Mary zu Gesicht. Und wenn sie weg war, fing Will an. Er hatte, wie sie, blaue Augen, dunkle Haare, helle Haut und einen schlanken, sportlichen Körper. Aber er war stärker als sie. Er schlug ihr ins Gesicht, ihre Nase blutete. „Barbar!“ keifte sie ihn an. Einige von Hatties besten Freundinnen wurden auch geschlagen, von Geschwistern oder sogar den Eltern. „Willst du dich nicht wehren?“ hatte sie einmal Lucy gefragt. „Nein, wenn ich das tue werfen sie mich aus dem Haus. Dann bin ich gar nichts mehr wert. Und ich bin auch ganz ohne Schutz.“ Aber Hattie wollte sich nicht immer schlagen lassen. Heute wollte sie zurückschlagen. „Lass mich in Ruhe!“, bellte sie ihrem Bruder ins Gesicht. Ungerührt verpasste er ihr einen Schlag in den Magen. „Weißt du“, flüsterte er ihr ins Ohr nachdem er sie zu Boden gedrückt hatte. „Es macht einfach zu viel Spaß. Meine Mum war reich. Aber dann ist sie von einem Straßenräuber ermordet worden. Aber sie hat sich gewehrt und ihn so zugerichtet, das das Scotland Yard den Mörder finden und hängen konnte. Deine Mum hingegen“, er stützte sich mit dem Ellbogen auf ihren Arm. Sie schrie kurz auf, aber verstummte dann. „Deine Mutter hat einfach keine Selbstachtung. Eine Hure ist sie. Eine Schlampe.“ Das war zu viel. Hattie schlug Will auf sein linkes Auge. Er zuckte schmerzerfüllt zurück und taumelte. Aus seiner Augenhöhle troff Blut. "Was hast du getan?“ schrie er panisch. Er rannte umher, wie ein aufgescheuchtes Huhn. Hattie wollte zuerst weglaufen. Doch dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Will war abgelenkt. Das war ihre Chance sich zu rächen. Sie trat Will in den Rücken. Er fiel hin, verlor die Orientierung. Aber dabei stürzte er gegen einen Tisch, auf dem eine Öllampe stand. Klappernd fiel sie herunter und das Trockene Leinenhemd Wills fing Feuer. Wild kreischend lief er umher. Das hatte Hattie nicht gewollt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Also lief sie hinaus. Sie rannte panisch umher, hörte laute Stimmen die hinter ihr her schrien, aber sie lief unbeirrt weiter. ‚In eine Gasse!’, dachte sie. Ein Mann mit Glatze versuchte sie fest zu halten, aber sie riss sich los. Sie hörte noch viele Meter entfernt Wills angsterfüllte Schreie und dann ein Platschen, als irgendetwas Schweres in Wasser fiel. Hattie bog in eine enge Gasse ein. Vor ihr stand ein Mann. Er hatte wahrscheinlich noch nichts mitbekommen, denn er ließ sie laufen. Was, wenn Will tot war? Sie war verantwortlich dafür, auf Mord stand der Strang. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte. Auf dem glitschigen, feuchten Kopfsteinpflaster fiel sie zweimal hin, rappelte sich aber wieder auf. Als sie um eine Kurve trat, sah sie vor sich ihre Mutter Mary. „Was machst du denn hier?“, fragte sie. Sie trug immer noch dasselbe rote Kleid, ihre Frisur stand noch, darum ging Hattie davon aus, das es ihr noch nicht gelungen war, jemanden zu finden, der „willig“ war. „Atme erst einmal tief durch.“, beruhigte Mary ihre Tochter. Doch Hattie konnte nicht. Sie plapperte außer Atem vor sich hin und Marys Miene wurde zusehends besorgter. Nachdem Hattie geendet hatte, musterte Mary ihre Tochter kurz, danach entschied sie: „Du musst sofort verschwinden, Hattie.“ 
Hattie liefen heiße Tränen übers Gesicht. Erst jetzt viel ihr auf, das ihr Arm stark blutete. Wann sie sich verletzt hatte, wusste sie nicht. Vielleicht als sie hingefallen war. Sie befand sich inzwischen mehrere Kilometer außerhalb der Stadt. Der Weg war schlecht und nur aus Sand. Daneben verlief ein tieferer Graben, der mit Gras bewachsen war. Ihre Füße waren wund vom Laufen, ihre Schuhe hatte sie ausgezogen. Aufgrund der Schmerzen lief sie durch den Graben. Ab und an kam ein Eselskarren oder eine Droschke vorbei. Wenn er aus der Stadt kam sah sie weg, denn sie hatte Angst, erkannt zu werden. Vieles ging ihr durch den Kopf. War es richtig gewesen, Will zu schlagen? Hätte sie da bleiben und ihm helfen sollen? Vor allem aber musste sie an ihre Mutter denken. Die einzige lebende Person die sie geliebt hatte und nun würden sie sich wahrscheinlich nie mehr wieder sehen. Plötzlich hörte sie ein Rumpeln. Sie zog die Schultern hoch und hoffte, die Kutsche würde vorbei fahren. Sie beschleunigte. Hattie wagte es nicht, aufzusehen. Sie hörte die Hufe die über den feinkörnigen Sand klapperten, die Räder, die tiefe Furchen in den Boden Gruben und die Rufe des Kutschers. Es war anders als sonst. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was war da los? Sie wollte sich immer noch nicht umdrehen. Irgendetwas ging da vor sich. Sollte sie sich doch umdrehen? Es krachte laut. Die Neugier überwog. Sie wandte sich um. Was sich da vor ihr abspielte, ließ ihre Knie weich werden. Zwei Droschken, eine weiter vorn, eine dahinter. Sie jagten sich regelrecht. Der hintere Wagen war vom Scotland Yard, der vordere nicht. Wahrscheinlich Verbrecher. Der vordere Wagen war abgerutscht und eine Radachse war gebrochen. Die Pferde waren durchgegangen und zogen den Wagen jetzt mit aller Kraft durch den Graben. Und Hattie stand direkt darin.
Sie versuchte, den Hang hinauf zu klettern, doch er war nass und rutschig. Der Wagen war nur noch wenige Meter entfernt. Die Verzweiflung schlang sich um sie wie eine riesige Faust, die sie zu erdrücken drohte. Den Wagen und sie trennten nur noch Bruchteile einer Sekunde. Alles verlief wie in Zeitlupe, die Insassen des Wagens und der Kutscher hechteten vom Wagen. Hattie wünschte sich, sie wäre nicht mehr da, weit fort. Sie verfluchte sich, wieso war sie nur im Graben gegangen? Wieso? Sie machte sich auf den Aufprall bereit. Aber er kam nicht. Hinter ihr stand plötzlich ein Mann mittleren Alters, vielleicht 34. Er hatte dunkelbraune Haare und grünblaue Augen. Die Haare standen wirr und wild vom Kopf ab. Seine enormen Muskeln waren in vollspannung, aber sein Bart umsäumter Mund lächelte. Was Hattie aber am meisten verwirrte, war, das er die Kutsche in der Hand hielt. Die Pferde rissen sich los und liefen fort, aber Hattie konnte den Blick nicht von dem gut aussehenden Mann wenden. Er warf die Kutsche weg. Dann lachte er laut. Er glitt an ihr vorbei, geschmeidig wie ein Panther. Dann sprang er auf den Kutscher und die Insassen der Droschke zu, die abgesprungen waren. Er hob sie in die Luft und warf sie gekonnt auf die Polizeidroschke. Sie geriet ins Schleudern und fuhr laut krachend in den Graben. "Warum hast du das gemacht?“ fragte Hattie den Mann. „Sie sind nicht tot, glaub mir. Aber bestraft werden müssen sie alle.". 
"Aber das waren Polizisten.“, zweifelte Hattie.
„Sind sie deswegen besser?“
„Aber sie hüten das Gesetz.“
„Und Mörder werden gehängt.“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
„Ach ja, muss ich dir auch ein Auge ausschlagen, so wie du deinem Bruder?“
„Woher...“
„Ich war da.“
„Wer bist du?“
„Jack the Ripper.“
„Im Ernst?“, fragte Hattie.
„Nein, natürlich nicht, sonst hätte ich deine Mutter schon längst aufgeschlitzt.“, entgegnete der Mann.
„Das weißt du also auch.“ Hattie senkte den Kopf.
„Schäm dich nicht. Komm erst einmal mit." Der Mann fasste ihre Hand, aber sie löste seinen Griff. Der Mann sah gut aus und die Berührung brannte. Er sah reich aus und sie wollte nicht, das ihn jemand mit ihr sah. Sonst ergeht es ihm noch wie Jeff. „Das ist schon in Ordnung, Schwesterherz.“


Fortsetzung nächsten Donnerstag...
Jack freut sich über euer Feedback :-)


Kommentare:

  1. Haha, Daisy, natürlich hat die Geschichte einen Namen :D Sie heisst Converter
    Cool, hm?

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    1. Jaa :D Die Geschichte ohne Namen klingt aber noch viel cooler ^^ Aber wenn du möchtest, ändere ich den Namen :b

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