Donnerstag, 11. Juli 2013

Converter von Jack - Teil 4

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Kapitel 6


Nachdem sie eine Weile mit Mackie trainiert hatten, ging der kleine Junge nach Hause. Dann übte sich Florence noch einmal im nutzen ihrer Kräfte. Es war ganz einfach, sie musste es sich nur vorstellen. Allmählich gelang es ihr immer besser. Die beiden lachten und scherzten viel. Inzwischen hatte Florence das kontrollieren drauf, aber das Nutzen des Wassers nicht, es schien ihr durch die Luft zu fallen, wie Getreide aus einem Loch in einem Sack. Trotzdem konnte sie es ganz gut und sie gingen zufrieden nach Hause. In der Wohnung angekommen schloss Andrew ab. Florence hatte die peinliche Situation mit Mackie inzwischen vergessen. Andrew nicht. „Es war also nichts.“, schrie er wütend. Florence fuhr erschrocken zurück. „Aber... das habe ich doch nur so gesagt.“
„Weil es dir peinlich war!“
„Ja, aber wir kennen uns doch erst seit ein paar Tagen.“
„Hast du eine Ahnung, wie lang ich dich getragen habe, als du bewusstlos warst? Zwei Monate!“
„Aber da war ich nicht ganz bei mir.“
„Ist das so ein Unterschied?“
„Macht nicht die Handlung einen Menschen aus?“, fragte Florence, inzwischen sehr aggressiv.
„Ich bin kein Mensch und du übrigens auch nicht!“ schrie er.
„Aber bei Chetessen ist es genauso.“
„Du willst eine Handlung sehen?“ Andrew machte einen Schritt auf sie zu, schob seine rechte Hand hinter ihre Haare und küsste sie. Florence wehrte sich nicht. Es tat gut. Sie hatte noch nie jemanden auf den Mund geküsst, schon gar nicht mit Zunge, aber es machte ihm anscheinend nichts aus. Andrews Wut legte sich, ebenso wie Florence’. Er löste sich von ihr. Sie blickten sich erneut in die Augen. Dann küssten sie sich wieder und wieder. Sie schoben sich in das Schlafzimmer und sie warfen sich auf sein Bett.

Am nächsten Morgen wachte Florence neben Andrew auf. Er war bereits wach und spielte mit ihren braunen Haaren. Sie küsste ihn anstatt ihm einen Guten Morgen zu wünschen und er zog sie näher zu sich heran. Die beiden genossen die Anwesenheit des anderen. Ihr Herz schlug schneller. Aber beide wussten, sie mussten langsam aus dem Bett und trainieren. Florence kletterte aus ihrem Bett und stellte erschrocken fest, dass sie vollkommen nackt war. Sie war am Abend in so einem Rausch gewesen, das sie sie gar nicht gemerkt hatte, dass sie keine Kleidung mehr trug. Auch Andrew war darüber überrascht, aber peinlich war es ihnen nicht. Sie hätten ihre Kleidung ohnehin abgelegt.

„Du musst deine Hände benutzen, das hilft. Hast du die Wärter am Mrit Tyr gesehen? Sie haben die Hände auch benutzt, das lässt deine Energie in die richtige Richtung fließen.“, riet Andrew ihr. „Aber es ist so schwierig!“, jammerte Florence. „Du schaffst das schon“, zwinkerte er ihr zu. Sie lächelte und versuchte es erneut. ‚Steig auf!’, befahl sie dem Wasser im Teich in Gedanken. Sie streckte die Hand nach vorne aus. ‚Bleib dort’, befahl sie und drehte die Hand. Dabei wurde der Wasserstrahl zu einem Ball. Sie ließ los, der Ball fiel herunter. Er zerplatschte. Florence fluchte. „Du musst dich konzentrieren, Florence.“, sagte er immer und immer wieder. Andrew versuchte sie aufzubauen und am Ende des Tages konnte sie dem Wasserkügelchen befehlen, in der Luft zu bleiben. „Wir müssen wohl auch in der Nacht weiter machen. Sonst schaffen wir es nie.“ Missmutig schüttelte Andrew den Kopf. „Wie sieht mein Angriff eigentlich aus?“, fragte sie ihn. „Nun ja, eigentlich haben die Mitglieder des Réssyw Myts keinen besonderen Angriff. Sie können Sméleg erschaffen.“, antwortete er. „Was sind Sméleg?“, fragte Florence Andrew. „Das sind Wesen aus Wasser. Es ist Schwer sie zu erschaffen, doch sie sind sehr mächtig. Werden sie angegriffen, fließen sie einfach am Hindernis vorbei und wenn sie angreifen, sind sie sehr stark. Allerdings gibt es kaum Chetessen, die es je geschafft haben, Smélegs zu erschaffen. Meine Mutter konnte es.“, stellte er wehmütig fest.

Sie trainierten noch die ganze Nacht. Am Morgen hatte Florence zwar Ringe unter den Augen, aber es hatte sich gelohnt. Ihr war es gelungen, den Hauptabwehrschild aufzubauen. Dabei wurde das Wasser verdichtet, an dem viele Dinge abprallten. „Du musst ihn nur viel schneller aufbauen. Außerdem ist der Wasserstamm nicht ohne Grund keiner der Kämpferstämme. Ihr könnt das Wasser zu vielen praktischen Dingen nutzen. Ihr könnt überall Wasser finden, eben sehr schnell schwimmen und mit Fischen sprechen. Alles in allem ist der Stamm trotz seines friedlichen Lebens sehr mächtig. Wenn wir weiter trainieren...“, begann Andrew einen Satz. „Wir brechen morgen auf, dann müssen wir auf dem Weg trainieren.“ Florence sah den Schmerz in Andrews Augen. Sie fragte ihn was los war. Dann platzte es aus ihm heraus. „Ich werde nicht mitkommen.“ Florence schreckte zurück. „Was? Wieso?“ Sie fiel aus allen Wolken. Andrew war der Ankerpunkt in ihrem neuen Leben. Er hatte ihr das Leben gerettet und sie liebten sich. „Das... kann nicht sein.“, stammelte sie. „Es sollte ein verdecktes Unternehmen sein, darum sollte nur einer aus jedem Stamm mitkommen. Aber ich darf nicht. Ich werde hier gebraucht, sagen die Anführer.“
„Aber ich brauche dich!“, schrie sie und die Tränen schossen ihr in die Augen. Andrew umarmte sie. “Lass uns noch diese Nacht zusammen verbringen, ja?“ fragte er sie. Sie nickte. Die beiden gingen nach Hause. Beide konnten nicht einschlafen, darum unterhielten sie sich eine Weile. Am Morgen mussten sie sich trennen.

Florence trat auf den großen Platz in der Stadtmitte. Der Boden war bedeckt von sandfarbenen Kieseln und er war kreisrund, wie von einem Zirkel gemacht. Direkt in der Mitte stand ein großer Pfahl. Er war aus Holz mit einer grünlichen Färbung. Der Lyngus Mrit, Ein Turm, der Wanderern, die weit entfernt von Tyts verirrt waren, die Richtung angab. Vor diesem Pfahl standen 10 Personen, der Älteste des Tyr und Ékrats kannte sie, die anderen nicht. Sie ging auf sie zu ohne zurückzublicken. Sie wollte Andrew nicht in die Augen sehen und eine riesige Träne fiel ihr von der Wange. Einer von den 10 Männern, der eine Windhose auf der Uniform trug, lief zu ihr hin um sie zu begrüßen. Er war erst etwa 10 Jahre alt, aber er hatte einen sehr festen Händedruck. Er stellte sich mit Noéts vor, er war vom Nédeb Stamm. Die anderen, einer aus jedem Stamm, hießen Éllots, Nér, Mrits, Éltrit, Tyntiéol und Émmylf. Und Ékrats kam auch mit. Zwar sahen die meisten freundlich aus, aber Ékrats war grimmig wie immer und Tyntiéol blickte sie nur einmal kurz an, dann blieb er stocksteif stehen. Der Oberste verabschiedete jeden einzelnen. Zum Schluss kam er zu Florence. „Ich wünsche dir viel Glück, Hattie.“ Er schüttelte ihr die Hand. „Ich bin Florence!“, keifte sie. Doch als sie das verwirrte Gesicht des Obersten sah, schob sie noch ein „Sir.“ hinterher. Die Zehn verließen die Stadt. Florence sagte kein Wort, sie musste immer wieder an Andrew denken. Er ging ihr nicht aus dem Kopf und oft weinte sie. Ékrats lachte dann hämisch. Er fand ihr Verhalten albern. Der einzige andere der noch Englisch konnte war Noéts. Er munterte sie auf und brachte ihr Tjangú bei. Er trainierte sie auch. Einmal beim Training hatte sie ihn total nass gemacht und sein Gesicht brachte sie dabei seit langem wieder zum lachen. Nach einigen Monaten hatten sich die beiden angefreundet und inzwischen konnte sie sich auch mit den anderen unterhalten, auch wenn sie nicht alles verstand. Auch Nér war sehr nett, aber er sprach einen seltsamen Dialekt, deswegen musste sie oft mit Gestik und Mimik nachhelfen. Nach einigen Monaten erreichten sie ein kleines Dorf namens The Oak. Kurz davor hielten die Zehn eine Sitzung ab. „Also gut, wie finden wir, wenn es sie überhaupt hier gibt, den Rest des Réssyw Myts?“, fragte Florence auf Tjangú. Dann erhob Éllots vom Rétsulf Myts die Stimme. Florence hasste ihn. Wegen ihm war Andrew nicht mitgekommen und er nuschelte so sehr, das sie kein Wort verstand. „Florence Nénnokopeh Nerups, Cho Rho Nélfého.“, brummte er mit seiner tiefen Stimme. Florence blickte Noéts fragend an. „Du kannst es spüren, er wird dir helfen.“ Trotzig sprang sie auf. „Er mir? Ich pfeife auf seine Hilfe!“ Sie fing wieder zu weinen an. Wütend wischte sie die Tränen ab. Wegen ihm konnte Andrew nicht mitkommen. „Was wenn der Converter Tyts angreift? Was dann? Was wenn sie alle sterben? Der Älteste! Eure Stämme. Eltern, Frauen, Kinder? Und Andrew verliere ich auch.“ Ékrats spuckte ihr vor die Füße. Dann lachte er wieder herablassend. „Sei nicht albern, keiner kennt die Lage von Tyts. Die Stadt wird niemals angegriffen.“, zischte er prustend. Er wandte sich ab um zu gehen, als Florence im nach schrie. „Du weißt doch gar nicht wie es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt.“ Sie konnte sehen wie Noéts die Nase kraus zog. Es war plötzlich totenstill. Der Wind wehte in Ékrats Haaren. Plötzlich zuckten Blitze vom Himmel, der Regen viel in Strömen vom Himmel. Langsam drehte sich Ékrats um und Florence konnte den Hass in seinen Augen sehen. Ein Blitz schlug direkt vor ihr ein. Sie wurde zurückgeschleudert und Ékrats kam auf sie zu. Er hob sie an ihrem Kragen hoch. „Doch! Das kann ich!“, bellte er. Er drückte ihr auf die Stirn. Sie sah weiße Lichtblitze vor den Augen. Ein grelles Piepen ertönte und zerriss die Luft. Sie hörte jemanden schreien und es dauerte bis sie bemerkte, dass sie es war, die schrie. „Das kann ich sehr wohl.“, zischte Ékrats und ließ sie fallen. Die Blitze und das Piepen verschwanden, auch der Himmel war wieder blau. Die Sonne schien. Nur eins war geblieben: Ékrats wütende Augen.

Kapitel 7

Florence trat in die Stadt ein. Sie war so klein, die Häuser waren mit Strohdächern gefüttert und die Bauern trugen einfache Leinenkleidung. Es stank nach Tod und Sekreten. Die Menschen waren alt, schwach und ausgemergelt. Sie waren traurig. Keine Kinder spielten. Sie fühlte sich zusammen gezwängt. Plötzlich sah sie weshalb. Das Wasser in dem einzigen Brunnen der Stadt war faulig und bitter. Das wirkte sich wahrscheinlich auf sie aus. Als Hattie hatte sie keine Probleme gehabt, aber Florence litt darunter. Ihr war schwindelig. Diese armen Leute, dachte sie nur. Als eine alte Frau vor ihr zusammenbrach, fing sie sie sanft auf. Die Alte sah auf und lächelte. „Danke, gutes Kind.“, flüsterte sie. Ihre Stimme war brüchig und doch fest. Sie lächelte freundlich. Plötzlich sah sie in ihren Augen etwas Seltsames. Ein Fluss. Sie hatte plötzlich eine Vision. Wasser, überall. Und die Alte stand in der Mitte, die Hände erhoben. Sie versank in den Augen der Alten. Sie musste zwinkern, als sie von Tyntiéol angestoßen wurde. Die ganze Reise über war er ungeduldig gewesen. Auch jetzt. „Und?“ fragte er. „Ich habe jemanden gefunden. Glaube ich.“ Vermutete sie. „Sie sind mehr, als sie glauben.“ Begann sie, der Alten ins Ohr zu flüstern. Die Alte lachte.“Ich weiß, wer ich bin. Lyréssa vom Réssyw Myts.“ Erleichtert und verwundert sprang Florence zurück. Sie hatte ihr erstes Mitglied gefunden.

Im Haus von Lyréssa breitete die alte ein Buch aus. „Das ist das Buch unseres Stammes.“, erklärte sie Florence. Gegen alle Bemühungen der anderen hatte die alte Frau nur Florence mitnehmen wollen. Sie hatte jedoch trotzdem Noéts mit hineingekommen. Nun hatte sie die Schulter des Jungen mit ihrem Arm umschlungen und zitterte vor Aufregung. „Meiner Urgroßmutter hat es gehört. Dort sind die Namen aller Überlebenden des Stammes aufgelistet. Sie konnten fliehen, unter der Führung von Tfyrk Réssyw. Er hat sie hinausgeführt und starb dabei. Das kann euch helfen, die anderen zu suchen.“, erzählte Lyréssa. „Aber warum hast du sie nicht gesucht?“ fragte Florence. „Oh, das habe ich. 30 Jahre meines Lebens. Doch die meisten waren alt und senil, so wie ich. Nur wenige konnten Kinder gebären, die dann ihre Kräfte geerbt haben. Ich habe es vor langem aufgegeben. Einen einzigen von uns konnte ich finden. Hier.“ Die alte schob ihm das Buch zu. Es war alt und staubig, die Seiten waren vergilbt. Ein Name war mit einem Stück Kohle unterstrichen worden. „Réhtoéz – Martin Douglas“, „Warum sind da zwei Namen?“, fragte Florence. „Ein Name wird dir von der Natur gegeben und einer von den Menschen. Der Linke ist der erstere Fall, der andere der zweitere.“ Florence überlegte fieberhaft. Irgendwo hatte sie den Namen schon einmal gehört. Nur wo? „Er wohnt... in London.“, stellte Lyréssa fest. Natürlich. Er hatte nur zwei Häuser entfernt von Hatties gewohnt. Aber bei dem Gedanken zurück nach London zu müssen ließ sie erschrecken. Ihr wurde schlecht und kurz verlor sie das Bewusstsein, aber sie fing sich noch gerade rechtzeitig, um nicht umzufallen. Noéts hatte es gemerkt. „Was ist los?“ fragte er. „Ich... ich kann nicht nach London.“
„Warum?“ fragte der Nédeb Myts.
„Ich... ich habe fast meinen Halbbruder umgebracht. Sie werden mich erkennen und dann werden sie mich hängen.“
„Werden sie dich wirklich erkennen?“, lachte der Junge.
„Florence sah an sich herunter. Sie musste kichern vor Erleichterung. Natürlich, ihr Körper hatte sich verwandelt. Niemand würde sie erkennen. Ein jämmerlicher Schrei ertönte. Dann noch einer. „Wir können ihnen nichts mehr bezahlen!“ Ein Peitschenschlag. Wieder ein Schrei. Die beiden Chetessen fuhren herum und verließen zügig Lyréssas Wohnung. Eine Gruppe Steuereintreiber, eskortiert von einer Gruppe Soldaten auf Pferden hatten sich in der Stadtmitte versammelt. Die armen Stadtbewohner mussten alles hergeben, doch mit Heugabeln und Fäusten verteidigten sie ihre Häuser. Ein Mann, der, so schien es, der Anführer war, schlug mit entzücken auf eine alte Frau ein. Sie hatten keine Chance. Florence wollte sie retten, zu ihr hin gehen und den Kerl zusammenschlagen, doch Émmylf, der Chetesse aus dem Rédniz Myts, dem Feuerstamm, hielt sie zurück. „Was?“ zischte sie verärgert. „Das Sie sind genauso Menschen wie die armen hier, wir dürfen sie nicht verletzen.“ Florence verdrehte die Augen. Émmylf ließ sie kurz los. Ein Moment der Unachtsamkeit. Er hätte es besser wissen müssen. Aber er kannte die sturköpfige Florence nicht. Sie preschte los und hieb auf den Anführer der Gruppe ein. Er war davon so überrascht, dass er glatt vergaß, sich zu wehren. Sie hieb auf seinen Kopf ein, als dieser die Arme hochriss in den Magen. Mit einem fiesen Tritt unter die Gürtellinie brachte sie ihn aus dem Gleichgewicht. Ein letzter Schlag in die Schläfen und der Mann kippte, Sternchen sehend um. Er jaulte, dann fiel er in Ohnmacht. „Schwächling.“, murmelte Florence. Als die Soldaten von ihren Pferden sprangen, sie umzingelten und ihr ein Schwert an die Kehle hielt musste sie eingestehen, dass sie in der Falle saß. Kein entkommen. Sie konnte die anderen nicht sehen, aber sie wusste, keiner würde ihr zu Hife kommen, sie war selbst daran Schuld. Plötzlich riss der Film. Sie konnte nicht mehr reagieren. Sie handelte aus Instinkt. Sie streckte die Arme aus. Nichts geschah. Die Soldaten lachten. Auf einmal stoben sie auseinander. Das Wasser schoss aus dem Boden, warf die Soldaten in alle Richtungen. „Schnell, kommt mit!“ rief sie den anderen zu und schwang sich auf eines der Pferde. Die anderen taten es ihr gleich. Sie waren kaum aus der Stadt, als sie ein lautes Horn blasen hörten. ‚Verdammt!’, dachte Florence. Das Horn kam aus dem Dorf. Diese Idioten versuchten vermutlich, Verstärkung aus umgebenen Dörfern zu erhalten. Florence sah sich um. Schockiert musste sie feststellen, das Lyréssa nicht dabei war. „Reitet weiter!“ rief sie im Tjangú. Dann wendete sie, um in das Dorf zurückzukehren. Sie brauchte die alte Frau um die anderen zu finden. Sie trat mit den Hacken auf das Pferd ein. Sofort preschte es im Galopp nach vorne. Schon nach kurzer Zeit erreichte sie das Dorf. Sofort sprangen die Soldaten auf die Füße und hoben die Waffen. Sie schlugen damit auf sie ein. Einige Schnitte erwischten sie, aber keiner durchdrang ihre Haut, sodass Organe verletzt wurden. Sie sprang vom Pferd und errichtete einen Wasserschild. Keiner der Schläge der Soldaten durchdrang ihn. Sie trug den Schild vor sich her, während sie Rückwärts auf Lyréssas Hütte zulief. Die Frau bewegte die Hände in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Die Augen waren geschlossen. Sie nickte in die Richtung einer Hintertür. „Flieh.“, schrie sie. „Nimm das Buch und lauf!“
„Nicht ohne dich.“, antwortete Florence. Die alte Frau öffnete die Augen. Ihre eigentlich graublauen Augen strahlten nun tiefblau. „Geh!“, schrie sie. Draußen hörte sie Kampfgeräusche. Sie nickte kurz und verließ das Haus. Sie rannte so schnell sie konnte. Von den anderen Dörfern in der Nähe rückten bewaffnete Reiter an. ‚Ich muss schneller sein!’, dachte sie und rannte über die weite, grasbewachsene Fläche. In der Ferne sah sie ein kleines Wäldchen. Sie sprintete darauf zu, in der Hoffnung, sich dort vor den Verfolgern verstecken zu können. Sie erreichte ihn nur kurz vor den Engländer. Sie kletterte einen Baum hinauf. Die Bäume waren kahl, man konnte sie gut sehen, aber im hinteren Teil des Waldes standen Tannen und Fichten, vielleicht konnte sie dort Rettung finden. Sie hoffte es. Sie war allein, von der Gruppe getrennt. Als sie sich umwandte, sah sie, wie riesige, Menschenähnliche, bläulich schimmernde Wesen durch den Wald liefen und die Menschen besiegten. Mélegs. Die Wesen des Wassers, die nur die stärksten Mitglieder des Réssyw Myts beherrschten. Das war es gewesen, was Lyréssa im Haus getan hatte. Sie war sehr mächtig gewesen. Und nun war sie vermutlich tot. Und sie stand wieder am Anfang. Und sie war alleine. Wieso war Andrew nur nicht bei ihr? Warum?

Am Morgen erwachte sie alleine, auf dem Ast liegend, auf den sie am letzten Tag geklettert war. In der Hand hielt sie Lyréssas Buch. Es war sehr groß und es war ein Wunder, das es nicht vom Baum gefallen war. Ihr Magen knurrte. Sie musste unbedingt etwas essen, darum kletterte sie vom Baum um etwas zu suchen. Allerdings fand sie nur einen Busch Heidelbeeren, die ihren Hunger nur gerade eben stillen konnte. Sie kletterte auf ihren Baum zurück. Oben angekommen schlug sie das große Buch auf. Es war auf Englisch, Französisch, Spanisch und Tjangú geschrieben. Es erzählte die Geschichte des Réssyw Myts. Aber besonders gefiel Florence der hinterste Teil, ab Seite 1032. Es war ein ausführliches Wörterbuch Englisch – Tjangú. Sie war glücklich, dass ihr Vater ihr das Lesen beigebracht hatte, nun kam es ihr zu Gute. Sie war erschöpft und mutlos. Einige Wochen blieb sie im Wald und lernte Tjangú. Irgendwann beschloss sie, weiter zu wandern. Erst wollte sie zu Lyréssas Dorf zurückgehen, aber dann entschied sie sich dazu, den Weg zurück nach Tyts zu nehmen. Es erschien ihr einfach klüger, es war der einzige Weg den sie kannte. Sie wusste ja nicht einmal genau wo Norden war. Einige markante Punkte hatte sie sich beim Umherwandern mit den Chetessen gemerkt. Mal war es ein hohler Baum, mal ein seltsam geformter Fels oder auch ein Wald. Sie hatte keine Schwierigkeiten, sie zu finden. Und so verging die Zeit. Doch nach einem Monat, vielleicht auch länger, verlor sie aus irgendeinem Grund den Weg. Sie erreichte eine Gegend, die sie noch nie gesehen hatte. Ein endlos erscheinender Wald erstreckte sich zum Horizont. Florence ließ sich missmutig zu Boden fallen. Dann weinte sie. Wie sollte sie die anderen wieder finden? Sie war so allein. Ganz allein. In dieser Nacht weinte sie sich in den Schlaf.

Als sie erwachte, klemmte sie das Buch unter die Arme. Dann ging sie tiefer in den Wald. Das Herbstlaub bedeckte immer noch den Boden, inzwischen regnete es aber sehr häufig, darum glitt sie mehrfach aus und fiel in den Schlamm. Irgendwann geriet sie in eine sehr tiefe, feste Schlammgrube. Sie musste ihren Schuh ausziehen um weiter vorwärts zu kommen. Sie lief immer weiter, manchmal weinte sie. Es war ihr egal, wie schwächlich sie dabei erschien, niemand hörte ihr zu. Am Abend erreichte sie wieder eine feste Schlammgrube, wie die, in der sie stecken geblieben war. Als sie sie durchquerte, stieß sie auf einen hellen Fleck, der irgendwo, einige Meter von ihr entfernt, aus dem dunklen Schmutz aufragte. Sie war Neugierig, was es war und kämpfte sich durch den Matsch. Sie kam kaum von der Stelle, es war, als würde sie durch Sirup waten. Mehrmals fiel sie hin. Als sie den hellen Gegenstand herauszog und ihn näher betrachtete, erkannte sie, was es war. Sie fiel auf die Knie und schrie laut auf. Wieder weinte sie. Vor Wut zog sie das Wasser aus dem Schlamm und schlug damit auf die Bäume ein, die davon unberührt, still stehen blieben. ‚Sie verhöhnen mich.’ , dachte sie. ‚Die Bäume lachen über mich.’ Dann sank sie, auf dem nun trockenen Boden zusammen. Sie fiel in einen Tiefen Schlaf. Albträume plagten sie. Eine Frau, sie konnte sie nur von hinten sehen. Als sie sich umdrehte, erkannte sie Hatties Gesicht. Sie lachte bösartig. Dann fing sie an zu brennen, so wie Will. Sie lachte immer noch. Dann hüllten auch Florence die heißen Flammen ein. Aber es war nicht heiß, eher kalt. Florence schreckte auf. Alles war weiß. Zuerst dachte sie, sie wäre im Himmel. Dann wurde ihr Blick schärfer, der Wald hörte auf zu wackeln. Aber er blieb weiß. Über Nacht, war der Winter gekommen.

Florence schlang die Arme um ihren Körper. Ein ungewöhnlich starker Blizzard hatte sie erreicht. Zwar schützten die Bäume sie etwas, allerdings wurde das voranschreiten immer schwerer. Der Schnee behinderte ihre Sicht. Der starke Wind warf sie um. Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie sank zu Boden. Es war klirrend kalt. Die Eiszapfen wuchsen von den Baumwipfeln, wurden dabei aber sehr schwer. Zweimal hätte sie fast einer erschlagen. Sie wollte nicht mehr weiter. Wenn sie jetzt nur Émmylf vom Rédniz Stamm dabei gehabt hätte. Er hätte ihnen Feuer machen können. Aber er war nicht hier. Sie wollte nicht alleine sein. Sogar über die Anwesenheit von Ékrats wäre sie Froh, auch wenn die Spezialfähigkeit seines Stammes, des Tzolbtilb Myts, also Wetterstammes, sie ängstigte. Florence wusste, sie würde sterben wenn sie einschlief, aber sie konnte einfach nicht mehr weiter. Es war ihr zu viel. Zu kalt, zu stürmisch und einsam war sie auch. Ihr Bauch tat weh, krampfte sich zusammen, sie spürte, wie der Hunger an ihr nagte. Sie wünschte sich einfach nur, dass es wärmer wurde. Da fiel ihr etwas ein. Schnee war doch geschmolzenes Wasser. Sie wollte aufstehen, aber sie war einfach zu schwach, ihre Beine schienen unendlich schwer. Sie konnte den Schnee bezwingen. Es war einfach nur Wasser. Sie musste sich nur konzentrieren. Aber es war einfach nur zu kalt. Verzweifelt konzentrierte sie ihre ganze Energie. Ihr wurde schwindelig. Ein Blitz zuckte aus ihren Fingern. Sie wusste nicht, was passiert war, normal war es nicht gewesen. Wenn sie das Wasser hochhob und zu einem Ball oder einem Schild formte, ging das leise, ohne dass man etwas sehen konnte. Diesmal waren Blitze aus ihren Händen geschossen. Sie versuchte, dasselbe Gefühl zu haben, dieselben Gedanken zu denken, um es zu wiederholen. Erneut zuckten Blitze aus ihren Händen, diesmal jedoch hielt sie der Anstrengung stand. Alles in ihr konzentrierte sich auf ihre Hände. Sie spürte, wie sich ihr die Luft abschnürte. Schließlich, gab sie es auf. Doch was sie sah, war überwältigend. Der Schnee war zu Wasser geworden. Egal was passiert war, irgendetwas anderes war auch zu sehen. Der halbe Wald schimmerte bläulich. Die Bäume lösten sich platschend auf. Der Wasserpegel stieg an, der Schnee wurde zu Regen. Er nässte Hatties braune Haare. Der Wind blies ihr den Regen ins Gesicht. Ungläubig starrte sie auf die riesige Lücke im Regendurchnässten Wald. „Die Bäume...“, flüsterte Florence. Sie fasste in das Wasser. Es war lauwarm. In der kalten Luft dampfte es. „Die Bäume sind zu Wasser geworden.“





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