Samstag, 13. Juli 2013

Converter von Jack - Teil 5

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Kapitel 8
Sie rannte so schnell sie konnte. Das Wetter hatte ihr Kraft gegeben. In der Ferne konnte Florence jetzt die Türme einer Stadt sehen. Das war die Rettung. Tyts war es nicht, aber vielleicht konnte man ihr dort sagen, wie es nach London geht und mit sehr sehr viel Glück waren sogar die anderen Chetessen dort. Freudentränen liefen ihr von den Wangen. Nachdem sie den Schnee geschmolzen hatte, war sie in die Mitte der von ihr geschlagenen Lichtung gegangen. Diese Lichtung gab ihr Kraft. Es war wieder windstill und der Regen hatte auch aufgehört. Sie ließ sich von der Sonne bestrahlen. Die wärme auf der Haut tat unglaublich gut. Sie wollte es erneut versuchen. Diesmal war sie strategisch vorgegangen. Auf einem Baum, weit oben in der Krone hatte sie weit blicken können. Und dann hatte sie Rauch aufsteigen sehen. Sie folgte diesem Bild der Hoffnung und nun war die Stadt ganz nah. Sie sprintete darauf zu. Oft hatte sie geglaubt, es wäre zu Ende gewesen. Und nun war die Rettung zum Greifen nah. Sie lief an den Stadtrand und drosselte die Geschwindigkeit. Sie wollte nicht auffallen, wenn sie in die Stadt gerannt kam, wie von der Tarantel gestochen. Sie erreichte die Stadt – und kam abrupt zum Stehen. Die verkohlten Überreste der Stadt waren von Leichen und Asche übersät. Einzelne Schreie peitschten durch die Luft. Florence musste schlucken. Ein kleiner Junge, vielleicht so alt wie Mackie, Andrews Bruder, krümmte sich auf dem Boden. Seine Beine hingen schlaff an ihm, sein rechter Arm blutete, vom linken keine Spur. Er weinte. Dann schrie er vor Schmerz, bäumte sich auf und blieb reglos liegen. Florence durchschritt die zerstörte Stadt. Noch nicht einmal vor der Kirche hatten sie Halt gemacht, der Pfarrer lag sterbend in der Tür. Die Kirchenglocke aus Eisen lag auf seinen Beinen. Nur ein paar Schritte weit entfernt lag eine schwangere Frau. Sie schien unverletzt, aber sie fasste sich an den runden Bauch und schrie immer nur: „Es bewegt sich nicht. Es bewegt sich nicht mehr.“ Sie wimmerte. Der Kloß in Florence Hals hatte inzwischen überirdische Ausmaße angenommen. Sie sah die sterbenden Menschen, die Hilfe suchend nach ihr griffen. Plötzlich nahm sie eine bekannte Stimme wahr. Ein Stöhnen, das sie schon einmal gehört hatte, ein bekannter Laut. Florence überquerte den Leichen übersäten Platz. Sie sah sich suchend um. Irgendwo musste sie ihn doch finden. Irgendwo. Dann erspähte sie ihn, unter einem riesigen, schwarz verkohlten Holzbalken. „Éltrit!“, schrie Florence. Der Éfloh Myts lag, aus einer Wunde am Hals blutend da. „Ich dachte, ihr hättet so einen starken Panzer! Warum liegst du dann hier?“ Sie war schockiert. Sie beiden waren auf der Expedition gewesen. „Wo sind die anderen?“, fragte Florence. „Fast alle fort.“ Er deutete mit dem Finger zur rechten Seite. Ein kleines Chetessen Mädchen lag, wie ein Embryo verkrümmt auf dem Boden. Sie war tot. Es war Mrits vom Nykre Myts, dem Windstamm. „Wohin sind sie geflohen?“ - „Nach Osten.“ Éltrit wies mit dem Finger in eine Richtung. „Geh. Du musst sie einholen.“, flüsterte er. „Nein! Warte! Wer war hier, wer hat das angerichtet?“, fragte sie ihn. „Die...“ begann er, doch dann tat er seinen letzten Atemzug.

Florence folgte der Richtung, die Éltrit ihr gezeigt hatte. Dort konnte sie im feuchten Matsch die Spuren von Pferden sehen. Sie verlief die ersten Meter in einer dicken undeutlichen Zeichnung, doch dann teilten sich die Spuren. Florence war verwirrt. Wieso hatten sie sich getrennt? Wer hatte die Stadt zerstört, und warum? Wie hatte sie die Bäume zu Wasser gemacht? Ihr Kopf summte wie ein Bienenstock. Ein lauter Bienenstock. Welcher Spur sollte sie folgen? Sie versuchte, logisch vorzugehen. Hier war ein sehr mächtiger Gegner zu Gange. Aber man musste die Mission beenden. Vermutlich waren einige zurück nach Tyts, die anderen waren nach London. Oder die einen hatten die Gegner abgelenkt, das konnte auch sein. Das wäre dann gefährlich für sie. Vielleicht waren diese mächtigen Wesen noch da. Sie ließ sich auf den Boden fallen. Was sollte sie nur tun? Sie stützte den Kopf in die Hände. Sie wog Gefahr und Rettung ab. Ein Weg führt 100 Prozentig nach London. Das wäre jetzt nicht gut und nicht schlecht. Wie sollen die anderen aber die Réssyw Myts finden? Vielleicht waren sie alle tot. Was wenn diese unbekannten auch London zerstörten? Wenn der andere Weg nach Tyts führte, so wäre das Gut, aber wenn es nur Ablenkung war, dann sahen ihre Chancen schlecht aus und auch Tyts könnte inzwischen vom Converter angegriffen worden sein. Da fiel der Groschen. „Der Converter!“, entfuhr es Florence. Er hatte diese Stadt umgemäht! Es lag klar auf der Hand. Und darum hatten sie sich auch getrennt. Sie mussten flüchten und in Tyts Meldung machen. Nur welcher Weg führte dorthin, und welcher nach London?

Sie entschied sich für den Weg der nach rechts führte. Egal ob sie am Ende in Tyts oder London war, es war beides eine fünfzig fünfzig Chance zu überleben oder zu sterben. Florence hatte aus irgendeinem Grund schreckliche Bauchkrämpfe. Sie wurden immer schlimmer. Anfangs war sie immer weiter gegangen. Die Luft war kühl und es hatte wieder zu Schneien angefangen. Aus der weißen Decke lugten vereinzelt Grasbüschel heraus. Sie erreichte am Ende des Tages ein sehr hügeliges Gebiet. Die Krämpfe machten es ihr schwer, weiter zu kommen. Die ganze Nacht lief sie weiter. Am Morgen hatte sie den Gipfel des Hügels erreicht, nur um noch mehr Berge und Täler zu erblicken. Sie fluchte. Wenn sie nur ein Pferd hätte. Niemals würde sie die anderen einholen. Die Schmerzen hielten noch weitere zwei Tage an. Sie war nicht sehr weit gekommen. Es war ein wenig wärmer, aber der Schnee war matschig und sie rutschte oft aus. In den letzten Monaten war sie erstaunlich oft ausgerutscht und sie musste über ihre Tollpatschigkeit lachen. Es war kein normales Lachen, eher ein hysterisches. Im Augenwinkel nahm sie eine gebückte Gestalt war. Ein junger Mann mit einem breit krempigen Hut lief neben einem grauen Esel her, der einen Karren mit Töpfen und Geschirr hinter sich her zog. Als er vor Florence stand, blieb er stehen. „Was machst du hier draußen?“, fragte er in einem seltsamen Akzent. „Ich sitze hier.“
„Hätte ich nie erwartet.“, lachte er.
„Ich bin auf Reise. Wo wohnst du?“
„In einem Dorf, nicht weit weg von hier.“, erklärte der Mann. Ein unerwarteter Bauchkrampf durchschlug sie wie einen Blitz. Sie schrie und fiel zu Boden. Sie kauerte sich zusammen und hoffte, die Schmerzen würden aufhören. Der Junge kam angestürmt, nahm den Hut ab und kniete sich vor ihr nieder. „Was ist los?“, fragte er Florence. „Diese Krämpfe.“ Mehr konnte sie nicht herausbringen. Sie hatte nichts gegessen, daran lag es bestimmt. An tödliche Krankheiten wollte sie gar nicht denken.

Sie öffnete die Augen. Die Krämpfe waren zwar immer noch da, aber nun viel schwächer. Vor ihren Augen schwammen milchige Schlieren. Sie konnte nur einige Lichtpunkte erkennen. Ein Fenster. Eine kleine Hütte, nur ein Raum. Ganz langsam verschwand ihre Benommenheit. Vor ihr stand ein Mann. Er war dunkel gekleidet und hatte einen glatt rasierten Bart. Seine Augen wurden von monströs großen Augenbrauen überschattet. Zu Beginn hörte sie nur dumpfe Laute, aber mit der Zeit wurden sie lauter. „Das ist seltsam. Warum ist sie dann über die Berge gelaufen?“ fragte der junge Mann, den sie auf dem Berg getroffen hatte.
„Vielleicht wusste sie es noch nicht.“
„Glaubst du, deine Frau wüsste es nicht?“
„Sie wüsste es garantiert, wenn sie schon so weit wäre, aber diese Frau hier war alleine. Kein Arzt hätte es ihr sagen können.“, erklärte der Mann mit den Augenbrauen.
„Nein. Sieh nur, sie ist wach!“, rief der junge Mann und deutete auf Florence. Der Ältere ging um das Bett herum in dem Florence lag. „Wie heißen sie?“, fragte er. „Florence.“
„Ich bin Doktor Smith, das ist mein Gehilfe, Hank Morton. Sie sind schwanger, Florence.“

Zuerst wusste sie gar nicht, was sie sagen sollte. Sie war schwanger. Von Andrew. Sie würde ein Kind bekommen. Die anfängliche Freude legte sich allerdings bald. Es war einfach viel zu absurd. Ein Kind ausgerechnet jetzt zu bekommen war ihrer Mission nicht zuträglich. Es würde sie aufhalten, es würde Vorrang haben, es würde das Leben aller Chetessen und Menschen gefährden. Aber sie wollte es auch nicht verlieren. Smith hatte ihr gesagt, sie müsse noch mindestens 6 Monate in der kleinen Hütte des Doktors bleiben. Hank blieb die ganze Zeit über bei ihr. Sie wurden sehr gute Freunde. Der Arzt Smith untersuchte sie zeitweise. Durch das Wandern mit dem Kind im Körper, würde es bei der Geburt zu Komplikationen kommen, aber der Arzt war zuversichtlich, dass es klappen würde. Ende des 3. Monats wurde Florence ungeduldig. Sie musste einfach ihren Freunden helfen, ihren Freunden, die in London oder Tyts oder wo auch immer waren. Eines Tages fuhr sie Hank an: „Wieso dauert das so lange?“
„Auch ein Baby muss wachsen.“, lachte er.
„Wo sind wir hier überhaupt?“
„In meinem kleinen Dorf, nicht unweit von London.“ Als der junge Mann das sagte, wurde sie hellhörig.
„Cuxton. So heißt es. Es ist nicht weit bis London. Die Themse fließt hier in der nähe. Das Meer auch.“
„Ich muss sofort hier weg.“, stieß Florence aus, doch als sie aufstand spürte sie plötzlich einen Schmerz und sie brach zusammen. „Du musst liegen bleiben.“, erklärte Hank und legte sie zurück. Doch, so sagte sich Florence, werde sie heute Abend von diesem Dorf fortgehen. Noch heute Abend. Sie hoffte, Hank würde einschlafen, aber er tat es nicht. Den ganzen Abend saß er dort. „Ich passe auf dich auf.“, flüsterte er. Da wurde sie wütend. „Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst. Ich bin kein kleines Kind mehr, ich bin erwachsen. Ich bin tagelang durch einen Wald gelaufen, bin durch zerstörte Städte gewandert und jetzt sagt ihr mir, ihr müsstet auf mich aufpassen?“ Sie wurde wütend und sprang aus dem Bett. Dabei fiel sie unglücklich auf die Seite. Hank wollte ihr hoch helfen, doch sie schlug ihn weg und raffte sich auf. Hanks Nase blutete. Florence flüchtete aus der Hütte. Nicht weit von ihr entfernt stürzte sie erneut. Was war mit ihr los? Wieso verlor sie die Balance? Es war das Kind. Es zog sie nach vorne, trat gegen ihren Magen. Sie stand wieder auf. Hank kam ihr nachgelaufen. Florence flüchtete, der Wind rauschte in den Ohren, ihre Haare wehten im Wind. Hank flehte sie an, zurück zu kommen. Dann stürzte sie wieder. Sie stolperte, beim versuch, sich aufzurappeln über einen Stein. Dabei verlor sie vollends das Gleichgewicht und fiel einen Abhang hinunter. Laub verfing sich in ihren Haaren und ihrer Kleidung, Dreck verschmierte ihr Gesicht und sie riss sich an scharfkantigen Felsen die Arme wund. Als sie unten angelangt war, Blatt- Dreck- und Blutverschmiert war es anders als sonst. Zuerst wusste sie nicht, was anders war, aber irgendetwas fehlte. Das Kind hatte aufgehört zu treten. Dann durchschlug sie der Schmerz wie ein Blitz. Der Impuls wiederholte sich mehrmals. Sie schrie auf, Tränen schossen ihr in die Augen. Ihre Stimme wurde heiser vom Schreien. Der Magen zog sich zusammen. Es tat ihr überall weh, der Kopf dröhnte. Sie wollte wieder schreien, aber der Schmerz war zu groß, sie bekam keine Luft mehr. Hank und Doktor Smith kamen herunter, der Mond funkelte, dann verschwand er hinter einer Wolke. Sie bekam Luftnot. Hank kam auf sie zu gestürmt, Smith ebenfalls. Hank legte ihr den Kopf auf seine Beine. Dann bekam sie wieder Luft. Der Schmerz war immer noch da und sie schrie erneut auf. Der Doktor inspizierte sie. Dann sagte er etwas. Sie konnte es kaum hören. Hank stand daraufhin auf und eilte den Abhang hinauf. Einige Zeit später kam er wieder. Ein großes, glattes, scharfes Messer in der Hand. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Als Florence erwachte, lag sie wieder in dem Bett in der Hütte. Sie spürte keinen Schmerz mehr. Er war verschwunden. Komplett. Eine böse Vorahnung beschlich sie. Sie hob den Kopf und sah an sich herab. Florence schob die Bettdecke beiseite. In ihrem Bauch war eine riesige Narbe, sie war frisch genäht worden, der Faden hing noch darin. Sie sah sich verzweifelt um. Dann rief sie Hanks Namen. Er kam herein. Er sah traurig aus. „Es ist meine Schuld.“, flüsterte er. „Es ist meine Schuld.“, wiederholte er immer und immer wieder. In seinen Armen lag ein Bündel aus Stoff. Er hielt es ihr hin. Sie nahm es. Noch bevor sie die Decke umschlug wusste sie, es war Tod. Ihr kleines Kind. Sie schrie auf und fiel auf die Knie. Schluchzend versuchte sie, die Tränen zu unterdrücken. Hank sah ihr betroffen dabei zu. Sie sprang wütend auf, ihre Trauer war wie weggeblasen, nur noch Wut füllte sie aus. Sie ging auf ihn los, schlug ihn, verlor die Kontrolle über ihren Körper. Immer und immer wieder schlug sie auf ihn ein. „Du bist schuld!“, bellte sie Hank an. „Nur Du!“ Sie schlug auf ihn ein. Als er beruhigend auf sie einredete, wurden ihre Schläge schwächer. Erneut glitt sie zu Boden und fing an zu weinen. Hank kniete sich vor ihr nieder. „Keiner ist schuld. Es war ein Unfall.“ Zum ersten Mal blickte Florence Hank direkt in die Augen. Sie hörte das Rauschen eines Flusses, Wellen überschlugen sich. Sie sah Hank, er schnellte durch das Wasser. Er schoss daraus hervor, ins Licht. Er bewegte die Hände rasch hintereinander, das Wasser fing ihn auf und trug ihn zu ihr. Sofort war ihr klar, wer Hank wirklich war. Er war ein Réssyw Myts.





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